Zwischen historischem Punktgewinn und Kurzzeit-Frust nach Ausgleich in letzter Sekunde
Der 4. Spieltag dieser Saison führte den HC Erlangen nach Kassel zur MT Melsungen. Der Vorjahresdritte ging im Vorfeld als klarer Favorit in diese Partie, doch der HCE entpuppte sich rasch als unangenehmer Gast. Am Ende stand ein 32:32-Remis, welches dramatischer nicht hätte ausfallen können.
Trotz der verletzten Kapitäne Sebastian Firnhaber (erfolgreich in Innsbruck am Knie operiert) und Christopher Bissel (leichte Herzmuskelentzündung) sowie der Ausfälle von Milos Kos (Knöchelverletzung) und Tim Gömmel (Muskelverletzung) bissen sich die Erlanger beim Favoriten von Beginn an in die Partie. Den ersten fränkischen Akzent setzte Yannik Bialowas auf Linksaußen mit dem zwischenzeitlichen 1:1, Viggo Kristjánsson legte zum 2:1 für die erste Führung des Abends nach. Das Gaspedal blieb von beiden Teams fest gedrückt und rasch wechselte die Führung hin und her, das 7:5 nach neun Minuten für die MT markierte die erste Zwei-Tore-Führung des Abends – größer sollte die Tordifferenz zwischen den beiden Kontrahenten an diesem Abend auch nicht mehr anwachsen. Und auch die Erlanger Antwort folgte prompt: Mit 7:7 neigte sich die die Anfangs-Viertelstunde dem Ende entgegen.
Keine Gastgeschenke für die Nordhessen
Auch anschließend veränderte sich das Bild kaum. Die Gastgeber wussten zumeist vorzulegen, der HCE zog die richtige Antwort aus seinem Köcher. In dieser Phase ersetzte Dario Quenstedt Ghedbane im Tor und brachte sich direkt mit zwei Paraden anständig ein. Spätestens nach guten 20 Minuten und der ersten Auszeit von Coach Sellin war eines klar: Den liebsamen Gast mit Geschenken im Gepäck würde die Mannschaft aus der Metropolregion diesen Abend nicht mimen. So entwickelte sich ein ausgeglichenes 10:10 nach 24 Minuten und trotz der inzwischen viel besser justierten Abwehrreihen blieb der Schlagabtausch vollkommen offen. Dennoch konnte die Mannschaft aus Nordhessen ein knappes 13:12 in die Halbzeit retten.
Mit einem Lattenkracher als Weckruf und anschließendem Video Assistenten starteten beide Teams in den zweiten Abschnitt. Während das Aluminium zunächst den Kristjánsson-Treffer verhinderte, blieb der Isländer kurz darauf von der Siebenmeter-Linie cool und glich das Spiel erneut aus. Mit einem sehenswerten Kempa von Øverjordet konnte der HC Erlangen nach 34 Minuten erstmalig mit zwei Toren davonziehen. Natürlich blitzte trotz der starken HCE-Vorstellung auf der anderen Seite auch immer wieder die schiere Qualität des DHB-Pokalfinalisten der Vorsaison auf, sodass mit einem 21:21 auf der Anzeigetafel die finale Viertelstunde eingeläutet wurde.
Drahtseilakt im Schlussspurt
Eine empfindliche Zweiminutenstrafe gegen Viggo Kristjánsson konnte die Sellin-Sieben kompensieren, weil sich gerade in dieser Phase das Visier von Marek Nissen als besonders scharf eingestellt erwies (bester Werfer mit 9 Treffern / 82% Quote). Auf Seite der Melsunger lief Dainis Kristopans heiß und demonstrierte seine individuelle Klasse. Mit fünf verbliebenen Minuten auf der Uhr leuchtete das 28:28 auf der Anzeigetafel und Nervenstärke erwies sich als besonders gefragt. Der Showdown rückte Sekunde um Sekunde näher, denn niemand konnte sich entscheidend absetzen. Es knisterte in der Rothenbach-Halle: Beim Stand von 31:31 und 17 verbliebenen Sekunden zog Johannes Sellin seine letzte Tmeout-Karte und schwor sein Team nochmals ein. Mit Erfolg. Marek Nissen empfing mit angezeigtem Zeitspiel das Spielgerät und fasste sich das Herz zur Führung. Allerdings blieben den Gastgebern sechs Sekunden auf der Uhr und ein Kristopans-Versuch aus dem Rückraum landete nach Quenstedt-Parade unglücklich bei Drosten. Der Linksaußen nahm das Leder auf und besorgte per Buzzer-Beater den Ausgleich.
Wahnsinns-Leistung, Punktgewinn und dennoch enttäuschte Gesichter
Ohne die beiden Kapitäne Sebastian Firnhaber und Christopher Bissel demonstrierte der HC Erlangen gegen eine der besten Mannschaften dieser Liga, was mit Teamgeist und Geschlossenheit möglich ist. Auch wenn Nissen (9 Treffer) und Kristjánsson (8 Treffer) offensiv herausstachen, lag der Schlüssel zum historischen ersten Punktgewinn in Kassel in der Teamleistung sowie der disziplinierten Abwehrarbeit. Sinnbildlich für diesen Fight steht Florian Scheerer, der mit Magendarm-Grippe vor zwei Tagen noch im Bett lag und sich gegen das Melsunger Starensemble förmlich zerriss.
Auch wenn mit der Schluss-Sirene der Sieg genommen wurde, kann der HC Erlangen aus Kassel diesen Zähler verdient mitnehmen und bleibt damit auswärts und saisonübergreifend das fünfte Bundesligaspiel in Folge ungeschlagen. Der HCE demonstrierte dabei eine Leistung bei einem Spitzenteam, die den eingeschlagenen Weg untermauert und Vorfreude auf die nächsten Herausforderungen weckt.
Quenstedt, Ghedbane, Genz, Rúnarsson (4), Nissen (9), Bialowas (3), Øverjordet (3), Scheerer, Willax, Metzner, Scharnweber, Buck, Steinert (2), Kristjánsson (8), Gebala (3), Sehnke



